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30. Tag des 4. Schaltmonats, Bunji 5 (1189)
Koromogawa no Tachi, Hiraizumi, Provinz Mutsu (heutiges Hiraizumi, Präfektur Iwate)
Kräfte
Fujiwara-Clan von Ōshū (Truppen des Fujiwara no Yasuhira)
Gefolge des Minamoto no Yoshitsune
Etwa 12 Min. Lesedauer
In den frühen Morgenstunden des 30. Tages des Schaltmonats des 4. Monats von Bunji 5 (1189) schlugen in Koromogawa no Tachi in Hiraizumi, Provinz Mutsu, Flammen empor. Im Feuer fiel der tragische Held, der in der japanischen Geschichte am meisten geliebt wurde: Minamoto no Yoshitsune. Sein Alter bei seinem Tod betrug 31 Jahre (nach einer abweichenden Überlieferung 30). Der Feldherr, der in der Schlacht von Dan-no-ura das Haus Heike vernichtete und dem Genpei-Krieg glänzende Siege bescherte, beendete sein Leben, nachdem er von seinem leiblichen Bruder, dem Kamakura-dono Minamoto no Yoritomo, verfolgt worden war.
Als Yoritomo im Jishō 4 (1180) die Waffen erhob, eilte Minamoto no Yoshitsune aus dem Machtbereich von Fujiwara no Hidehira in Hiraizumi im Ōshū herbei. Er erwarb sich bemerkenswerte Kriegsverdienste in der Verfolgung von Kiso Yoshinaka (1184), in der Schlacht von Ichi-no-Tani (1184), in der Schlacht von Yashima (im 2. Monat von 1185) und in der Schlacht von Dan-no-ura (im 3. Monat von 1185). Durch die kühne Taktik der gyakuotoshi (Umkehrabstieg) und eine Kriegsführung zu Schiff, die an Göttlichkeit grenzte, errang Yoshitsune Sieg um Sieg, wobei Legenden entstanden wie „Er studierte die Kriegskunst bei Kiichi Hōgen“ und „Ein tengu unterwies ihn in der Schwertkunst“.
Doch Yoshitsune nahm vom Hof die Ämter eines Kebiishi (Kommissar der Hauptstadtpolizei) und eines Saemon-no-shōjō an, ohne Yoritomos Genehmigung. Dies brachte Yoritomo gegen ihn auf, und die Kluft zwischen den Brüdern wurde endgültig. Unmittelbar nach der Schlacht von Dan-no-ura weigerte sich Yoritomo, Yoshitsune in Kamakura einzulassen. Von Koshigoe aus sandte Yoshitsune ein Bittschreiben, der als Koshigoe-Brief (Koshigoe-jō) bekannt ist, und beteuerte seine Unschuld, doch Yoritomos Herz blieb unbewegt.
Im 10. Monat von Bunji 1 (1185) erwirkte Yoshitsune vom Exkaiser Go-Shirakawa einen Senji zur Verfolgung Yoritomos und stellte sich ihm entgegen. Doch da sich nur wenige Gefolgsleute einfanden, scheiterte er. Als er von Daimotsu-ura aus in See stechen wollte, geriet er in einen gewaltigen Sturm. Nachdem er verschiedene Orte durchwandert hatte, suchte er in Bunji 3 (1187) Zuflucht bei Fujiwara no Hidehira, dem dritten Oberhaupt der Ōshū Fujiwara. Hidehira nahm Yoshitsune in seinen Schutz, starb jedoch im 10. Monat desselben Jahres an einer Krankheit. Sein Nachfolger Fujiwara no Yasuhira beugte sich dem Druck Yoritomos.
Im Morgengrauen des 30. Tages des Schaltmonats des 4. Monats von Bunji 5 (1189) entsandte Fujiwara no Yasuhira mehrere hundert Krieger nach Koromogawa no Tachi. Die Gefolgsleute, die Yoshitsune begleiteten, waren nur etwa ein Dutzend Reiter. Die treuen Krieger, allen voran Benkei, kämpften außerhalb des Gebäudes verbissen und verschafften Zeit.
Benkeis letzte Stunde ist besonders berühmt. Die Überlieferung von „Benkei no tachi-ōjō“, wonach er trotz zahlloser Pfeile in aufrechter Haltung wie ein Niō-Wächter den Tod fand, wurde in den späteren Kriegserzählungen, im Kabuki, im Nō und in anderen Werken immer wieder dargestellt. Als Symbol der Treue, mit der er seinem Herrn bis zuletzt diente, das Schwert in der Hand, ist Benkeis Gestalt untrennbar mit dem Geist des Schwertmeisters und des Bushidō verbunden.
Als das Feuer das Gebäude bedrängte, zog sich Yoshitsune in die jibutsudō (private Hauskapelle) zurück. Er erstach zunächst seine Gemahlin Sato Gozen und seine kleine Tochter und richtete sich danach selbst mit dem Schwert. Yoshitsunes Kopf wurde in Sake eingelegt und nach Kamakura gesandt; am 13. Tag des 6. Monats wurde er in Koshigoe begutachtet.
Nach Yoshitsunes Tod wuchsen seine Legenden rasch an. Die Legende von Yoshitsunes Flucht nach Norden (Yoshitsune hokkō densetsu) – die Überlieferung, dass in Koromogawa ein Doppelgänger starb, während Yoshitsune selbst nach Norden floh und zu Genghis Khan wurde – wurde vom Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit weithin geglaubt und verzweigte sich bis in die Mongolei.
Im Zusammenhang mit japanischen Schwertern werden zahlreiche Klingen, die mit Yoshitsune in Verbindung gebracht werden, an verschiedenen Orten überliefert. Der Usumidori (auch: Hizamaru) ist ein Tachi, den Yoshitsune der Überlieferung nach besonders schätzte; er wird noch heute im Daikaku-ji (Präfektur Kyōto) überliefert. Im Tsurugi no Maki (Buch der Schwerter) des Heike Monogatari wird erzählt, es handle sich um einen Tachi, der seit Generationen im Hause Genji überliefert war und den Minamoto no Mitsunaka anfertigen ließ. Über die Generationen Yorimitsu und Tameyoshi gelangte er an den Kumano Bettō (Verwalter der Kumano-Schreine), der ihn Yoshitsune schenkte. Außerdem ist das Imanotsurugi ein Tantō (Kurzschwert), von dem im Gikeiki erzählt wird, dass Yoshitsune es in seiner Kindheit im Kurama-dera als Schutzdolch erhielt und auch für seinen Selbstmord verwendete. Bei vielen dieser Schwerter ist eine Prüfung am Original schwierig, doch durch die Anziehungskraft der Yoshitsune-Legende werden sie unter Schwertliebhabern bis heute weitererzählt.
In der Gegenwart werden im beliebten Spiel Tōken Ranbu „Imanotsurugi“ und „Hizamaru“ als Figuren dargestellt, sogenannte tōken danshi. Sie dienen als Medium, das der jungen Generation die Verbindung zwischen der Yoshitsune-Legende und dem japanischen Schwert vermittelt.
Yoshitsunes Tragödie brachte den Ausdruck Hōgan-biiki hervor. Dieser Ausdruck geht auf Yoshitsunes Hofrang „Saemon-no-shōjō (hōgan)“ zurück und hat sich als japanisches Wort etabliert, das Mitgefühl und Einfühlung für Schwache und Verlierer bezeichnet. Ein Held, der von übermächtiger Macht gejagt wurde, seine Kriegsverdienste dennoch stolz hervorhob und einsam zugrunde ging: Yoshitsunes Geschichte hallte tief mit der ästhetischen Empfindung wider, die die Japaner seit jeher besitzen, dem „mono no aware“.
Von den mittelalterlichen Schriften wie dem Heike Monogatari, dem Gikeiki und dem Azuma Kagami über die frühneuzeitlichen Kabuki- und Jōruri-Stücke „Yoshitsune Senbon Zakura“ bis hin zu den heutigen Manga, Anime und Taiga-Dramen ist Yoshitsunes Geschichte immer wieder neu erzählt worden. Sein Leben hat tief Wurzeln in der japanischen Kultur geschlagen, als Inbegriff des Ideals des Kriegers und der Tragödie.
Mehr als 800 Jahre nach Yoshitsunes Ende kommen nach wie vor Besucher zur Stätte von Koromogawa no Tachi (Hiraizumi, Präfektur Iwate). Der Ort liegt auf einem Hügel, etwa 500 Meter in ostsüdöstlicher Richtung vom Eingang des Omotesandō (Hauptzugang) des Chūson-ji entfernt, und erzählt still vom Glanz der Ōshū Fujiwara und vom Ende Minamoto no Yoshitsunes. Hiraizumi wurde 2011 als UNESCO-Welterbe eingetragen und zieht als Ort mit Bezug zu Yoshitsune weltweit Aufmerksamkeit auf sich.